1. Navigation
  2. Inhalt
  3. Herausgeber
Inhalt

Made in Sachsen: das Prinzip Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Kaum ein Unternehmen oder eine Organisation, die nicht damit wirbt. Und wer hat’s erfunden? Nein, es waren nicht die Schweizer. Ein Sachse war es: Hans Carl von Carlowitz aus Freiberg, um genau zu sein. Unser Vorbild für solide Finanzpolitik …

Wer nachhaltig wirtschaftet, der trifft seine Entscheidungen auf lange Sicht und handelt verantwortungsbewusst. Nachhaltigkeit ist eine unternehmerische Tugend. Auch wir im Finanzministerium orientieren uns daran. Aber woher kommt der Gedanke und was heißt das genau?

Der Begriff kommt aus der Forstwirtschaft

Um zum Ursprung des Nachhaltigkeitsgedankens zu gelangen, müssen wir zurück in die Zeit des Barocks, als August der Starke die Geschicke des Landes Sachsen lenkte. Kursachsen zählte zu den wirtschaftlich am weitesten entwickelten deutschen Ländern und die Kunstmetropole Dresden machte europaweit von sich reden. Im Jahr 1713 erschien ein Buch mit dem Titel »Sylvicultura Oeconomica. Hausswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht«. Klingt wenig spektakulär, hat aber

  • erstmals den Blick auf einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen gelenkt,
  • kann als Vorbild für gutes Wirtschaften stehen und
  • ist zudem das erste geschlossene forstwissenschaftliche Werk.

Der Autor, Hans Carl von Carlowitz (1645–1714), war sächsischer Oberberghauptmann. Er formuliert darin, dass nur so viel Holz geschlagen werden dürfe, wie durch Aufforstung – also durch das Säen und Pflanzen – nachwachsen könne:

»Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holzes nicht so schleunig wie der Acker-Bau tractiren; … Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß, und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe …«

Abbild von Hans Carl von Carlowitz

Ein aus heutiger Sicht geradezu simpler Gedanke. Für die damalige Zeit jedoch war er revolutionär. Denn eine systematische Bewirtschaftung der Wälder gab es ebenso wenig wie eine generationenübergreifende Landwirtschaft. Die Aufmerksamkeit richtete sich vielmehr auf das gegenwärtige Leben und Überleben. Die Notwendigkeit einer nachhaltigen Nutzung entstand als Reaktion auf eine drohende Rohstoffkrise. Holz war im 17. und 18. Jahrhundert der wichtigste Rohstoff Sachsens und ganz Europas. Holz war Energieträger, diente zum Heizen, man brauchte es für den Schiffbau und in den vielen Manufakturen. Im Kurfürstentum Sachsen war Holz für den Silberbergbau wichtig. Es diente als Trägermaterial zum Bauen der Gruben und als Brennmaterial für die Schmelzöfen. Der Silberbergbau bildete das wirtschaftliche Rückgrat Sachsens, aber er drohte niederzugehen: nicht aus Mangel an Silbererz, sondern aus Mangel an Holz. Die jahrhundertealte Bergbautradition hatte Spuren hinterlassen. Die Umgebung der Bergbaustädte war bereits kahl geschlagen. In dieser Situation stellte von Carlowitz die Idee der nachhaltigen Forstwirtschaft als Lösung vor.

Auch der ehrbare Kaufmann wirtschaftet nachhaltig

Das Prinzip der Nachhaltigkeit findet sich auch in einem wirkmächtigen Leitbild kapitalistischen Wirtschaftens wieder: dem ehrbaren Kaufmann. Auch ihm geht es um den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. Ihn prägen Charaktereigenschaften wie Strebsamkeit, Genügsamkeit, Maß, Entschlossenheit, Loyalität, Fleiß und Charakterfestigkeit. Eigenschaften, die ihn davor schützen sollen, unüberlegt und aus der Gier heraus zu handeln und auf den kurzfristigen Gewinn auf Kosten anderer zu setzen. Die Tugenden gehören zu den Säulen einer protestantisch-bürgerlichen Weltanschauung. Ihr findet sie auch in der Literatur, beispielsweise bei Thomas Mann »Die Buddenbrooks«.
Maßlosigkeit, Faulheit und Disziplinlosigkeit gelten dagegen als Laster und führen – siehe »Buddenbrooks« – in den Ruin. Denn der ehrbare Kaufmann trägt eine Verantwortung für sein Unternehmen, seine Mitarbeiter, die Umwelt und die Gesellschaft. Nur so kann er langfristig erfolgreich sein.

Nachhaltigkeit ist Grundsatz unserer Finanzpolitik

Die Geisteshaltung des ehrbaren Kaufmanns und das Prinzip der Nachhaltigkeit à la Carl von Carlowitz prägen auch unsere Finanzpolitik: Auch wir setzen nicht auf schnellen Konsum und Kredit, sondern auf Investitionen und Maßhalten. Ganz im von Carlowitz’schen Sinne wollen wir nicht mehr ausgeben (Bäume fällen), als dem Land Sachsen durch dessen eigene Wirtschaftskraft, die wir durch Investitionen stärken (Säen und Pflanzen), langfristig wieder zugutekommt. Unsere Devise zur Haushaltsplanung lautet daher: Möglichst viel in die Zukunft des Landes investieren. Dabei gilt: Der Staat soll nicht mehr ausgeben, als er einnimmt. Eine Philosophie, mit der wir

  • die zweitniedrigste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer erreicht haben,
  • seit 2006 keine neuen Schulden aufnehmen,
  • jährlich rund 75 Millionen Euro Schulden zurückzahlen können,
  • seit 1995 die höchste öffentliche Investitionsquote von allen Bundesländern vorweisen können und
  • diesen Spitzenplatz voraussichtlich auch weiterhin verteidigen werden.

Und wer einmal Hans Carl von Carlowitz in original altdeutscher Schrift lesen möchte: Hier findet ihr eine Leseprobe  "Carlowitz, Hannß Carl von: Sylvicultura Oeconomica oder hausswirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht Reprint der zweiten Auflage 1732", Leipzig. Verlag Kessel (2009), ISBN: 978-3-941300-19-4

 

Marginalspalte

Zwei Grundsätze sächsischer Finanzpolitik:


  1. Möglichst viel in die Zukunft des Landes investieren.
  2. Das Land darf nicht mehr ausgeben, als es einnimmt.

Quiz zum Thema

© Institution